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„Wieso vergessen das jetzt alle?“

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 Frau Elsner: Wann immer ihr Name unter Journalisten fällt heißt es: Ahh – eine Diva. Warum eigentlich?

Weiß ich nicht. Aber wissen Sie, wie viel Arbeit es mich kostet, diese ganzen Vorstellungen, diese ganzen Bretter die die alle vorm Hirn haben, wegzuräumen? Das ist einfach deren Vorstellung von einer Schauspielerin. Oder einer die manchmal sagt: Entschuldigung auf die blöde Frage habe ich keine Lust zu antworten. Ich schlage doch niemand. Ich beschimpfe doch niemand.

Interviews mit Ihnen durchzieht oft eine gewisse Schwere. Das liegt vermutlich an unseren Fragen und den ernsten Filmen. Können Sie eigentlich auch völlig albern sein?

Na klar. Das ist eigentlich mein Grundgefühl, wenn ich ehrlich bin.

Das kommt etwas unerwartet…

Warum? Wenn man mich auf den Fotos sieht, lache ich doch eh dauernd. Meinen Sie, dass ich als Rollen zu viele ernste Themen habe? Das kann natürlich sein..

So wie Hannas schlafende Hunde. Geradezu düster.

Fürchterlich. Deshalb wollte ich in zuerst auch gar nicht drehen – ganz ehrlich. Weil er so bedrückend war. Das Drehbuch gab es ja schon drei Jahre vorher. Ich habe aber sofort gesagt: Okay – aber ich will da nicht dabei sein. Ich will mich nicht in diese Zeit begeben. Und in diese Geschichte. Weil ich weiß, wie ich arbeite. Weil ich weiß, wie ich dann bin. Da bin ich dann wochenlang gefangen in dieser Dunkelheit.

Sie nehmen sowas mit nach Hause?

Ja klar. Oder nein. Nicht mit nach Hause. Trotzdem habe ich von morgens bis abends diese schmerzende Perücke auf, habe diese Augen und dauernd diese Situation, dieses Beklemmende.

Wieso haben Sie ihre Meinung geändert?

Die haben das Drehbuch weiterentwickelt. Und auf einmal ist mir das dann doch nahe gekommen. Und ich dachte: ja okay das muss man schon machen. So eine Geschichte ist wichtig.

Haben Sie sich gleich darin gesehen?

Nein. Ich hab erst die Geschichte gesehen. Das geht ja auch so ganz intuitiv, das ist was ganz Aufregendes, der Prozess, wie so eine Rolle an einen ranrückt. Oder man selber Annäherungen versucht…

Schwer,  wenn man die Rolle eigentlich ablehnt.

Nein, nein es war nicht, dass ich die Rolle nicht wollte. Ich wollte das Ganze nicht. Ich wollte da nicht hin. In diesen Mief. In diese Nachkriegs-Nazizeit. In diese… Wah! (schüttelt sich). Schrecklich. Diese Bigotterie und Verlogenheit.

Der Film spielt Mitte der 60 Jahre. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich kann mit das gar nicht vorstellen. Mitte der 60er Jahre, da war ich eine junge Frau in München. In Berlin. Das war Rock’n‘Roll und Jazz. Jazz vor allen Dingen. Jazz und Schwabing. Existentialismus und Freiheit.

Klingt nicht gerade nach Mief…

Null. Aber meine bayerische Oma, mit der ich ja auch gelebt habe bis ich 16 war , die war ja auch nicht so miefig. Und vor allem auch nicht so verlogen.

Ausgangspunkt des Films ist ein toxisches Gemisch aus unterdrücktem Hass, unterdrücktem Begehren…

Ganz furchtbar. Unterdrücktem alles. Aber mal ganz ehrlich: Jetzt schaut man sich den Film an und alle denken: Ja, okay ist zwar eine wahre Geschichte aus Wels. Aber Gott sei Dank ist es ja 50 Jahre her. Aber alles das, was darin vorkommt, gibt es heute genauso. Es gibt den Missbrauch. Es gibt die Bigotterie. Es gibt Frauenverachtung, Vergewaltigung, Misshandlung. Und es gibt Nazis und Fremdenhass. Und die Dummheit. Immer wieder diese Dummheit.

 Kann ein Film helfen, zu verstehen?

In Österreich waren viele total betroffen. Es war ihre eigene Geschichte besonders in Wells und Linz. Da waren Leute, die haben gesagt: Genau so war das. Genau so. Das war der Wahnsinn. Viele haben auch gesagt: Der muss in den Schulen gezeigt werden.

 Was ist denn dann heute anders? In Deutschland. In Österreich.

Überall: Nichts! Und wir sitzen da… Und einerseits möchte ich darüber lachen. Ich will mich ja nicht mal aufregen über dieses Pegida-Geschrei – obwohl ich es so widerlich finde. Aber es ist nicht mehr zum Lachen. Und die, die das alles nicht wollen, sitzen ungläubig herum und denken: Das muss ja wieder vorbeigehen. Ist doch ganz klar. Ja und was, wenn nicht?

Wissen Sie: Ich habe ja alles gesehen über den Holocaust. Immer wieder schau ich mir das an. Alles. Seit ich 25 bin. Ich habe damals in der Schule nichts erfahren von niemandem. Und gestern Nacht lief ZDFinfo – wie die Amerikaner kamen und wie die durch die Dörfer marschierten. Und die Menschen haben sich gefreut. Und dann hieß es: No Fraternitation. Und nach zwei Wochen schon konnten die das gar nicht mehr. Die Amerikaner haben gedacht: Die hungern doch. Ich kann doch nicht einfach so vor denen stehen. Wie toll die zu uns waren! Wieso vergessen das jetzt alle hier? Und wie das alles Flüchtlinge waren… Und wie die überall aufgenommen wurden…

 14 Millionen Menschen suchten ja damals eine neue Heimat … 

Es kommt ja immer wieder. Es ist ja immer wieder da – die ganze Geschichte. Und genau deswegen kann ich das heute ja alles gar nicht fassen.

Das Gespräch führte: Alexander Jodl