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„Vaiana“ – die Kritik

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Wenn Walt Disney einen neuen Weihnachtsfilm ins Kino bringt, ist die Erwartungshaltung der Zuschauer klar: Bezaubernde oder zumindest witzige Charaktere besiegen letztlich das (nicht allzu) Böse, während sie eingängige Melodien trällern, die wenig später auf den Lippen aller sechsjährigen Mädchen liegen: So etwas wie Willst du einen Schneemann bauen? aus Disneys gigantischem Erfolg Die Eiskönigin von 2013. Dieses Jahr ist es die junge Vaiana, die das Herz des Publikums in der Adventszeit  und natürlich darüber hinaus erobern soll. Doch so richtig leicht wird es dem Mädchen aus der Inselwelt im Südpazifik nicht gemacht.

Was keinesfalls an ihr liegt: Die Heldin des gleichnamigen Films ist eines der bezauberndsten Geschöpfe, die je das Studio von Walt Disney verlassen haben. Ob als Kleinkind oder später als Teenagerin: Ein Blick in ihre riesigen, dunklen Augen genügt, um die Polynesierin für immer ins Herz zu schließen. Dazu ist die designierte Anführerin ihres Inselvolkes tapfer, entschlossen, humor- und liebe-voll. Kurz: alles, was man mitbringen muss, um die Hauptrolle in einem animierten Meisterwerk zu spielen.

Halbgott auf dem Ego-Trip

Darin wird sie vom Schicksal auf eine Reise geschickt, die der polynesischen Mythologie entliehen ist und Europäer somit nicht gerade vertraut anmutet: Um den Untergang ihres Inselreiches zu verhindern, muss sie der verzauberten Göttin des Lebens einen magischen Stein zurückbringen. Der zu Chaos neigende Halbgott Maui hat diesen vor langer Zeit gestohlen. Und das beginnt sich höchst ungut auf den Zustand der maritimen Welt auszuwirken.

Nicht genug damit, dass Vaiana bereits beim Aufbruch ins Abenteuer ihren wasserscheuen Vater überlisten muss, der als Insel-Chief seinen Untertanen jegliche Ausflüge jenseits des Riffes kurzerhand verboten hat. Zu allem Unheil muss sie auch noch Maui selbst dazu bringen, mit ihr auf gefährliche Mission zu gehen. Nur leider entpuppt sich der als selbstverliebter Egomane ohne jegliche heldenhaften Ambitionen. Hinzu kommt, dass die Quelle seiner Macht   eine Art überdimensionaler Allzweck-Haken sich gerade in Feindeshand befindet.

Prompt schließen die beiden einen Deal: Sie hilft ihm, seinen göttlichen Haken zurückzugewinnen. Er liefert mit ihr dafür den magischen Stein bei der Lebensgöttin ab. Also machen sie sich gemeinsam auf die polynesische Entsprechung der Odyssee komplett mit Monstern, Piraten und tosenden Stürmen die Vaiana weiter weg von zu Hause führt, als sie es sich jemals hätte träumen lassen…

Mitsingen zwecklos

Es ist ein etwas kurioser Mix, dieses neue Werk aus dem Geburtshaus von Mickey Maus, Donald Co. Einer mit Schwächen, die für Disney eigentlich untypisch sind. Die ohrenfälligste dabei: Die Songs, mit denen vorwiegend die Hauptdarstellerin ihr Schicksal besingt, sind alles andere als Ohrwürmer. Wenn es das Gegenteil von eingängig gibt Disney hat es gefunden. Dass hier löblich versucht wurde, auch die Klangwelt von Polynesien zu ihrem Recht kommen zu lassen, macht die Sache irgendwie nicht besser. Vaiana singt und Minuten danach hat man vergessen worüber und verdrängt, wie es genau klang. Soviel zur melodischen Bereicherung für den Liederfundus eingangs erwähnter Sechsjähriger…

Dass ihre Abenteuer optisch die wohl ausgereiftesten sind, die Disney je gezeigt hat, beschert dem Publikum zwar zu größten Teilen visuellen Genuss. Die Monster darin bescheren jedoch eher Albträume zumindest den jüngsten Besuchern des Kinosaals. Diese Bosskämpfe samt einiger Zwischensequenzen wirken stellenweise, als wären in den Studios bewusstseinserweiternde Drogen mittlerweile zugelassen. Verstörend, um es mit einem Wort zu sagen. Das könnte auch erklären, warum man Vaiana diesmal ein schielendes Hühnchen mit Hang zur Selbstzerstörung als tierischen Sidekick mit auf den Weg gegeben hat, dessen humoristischer Gesamtbeitrag zum Geschehen leider äußerst bescheiden ist. Zugegeben: Das ist Kritik auf hohem Niveau. Aber für ein Studio, das seine Kinofilme gerne als Walt Disney Meisterwerke vermarktet, liegt die Messlatte diesbezüglich natürlich hoch.

Schwächen aber auch viele Stärken

Doch bei all seinen Schwächen beschert uns das abenteuerliche Duo auch immer wieder große Momente voll animierter Magie, große Emotionen und absolute Brüller, denen das Zwerchfell von Jung und Alt nichts entgegenzusetzen hat. Immerhin reden wir hier über einen Spielfilm aus der Schmiede eines der erfolgreichsten Unterhaltungskonzerne der Welt. Ein Komplettausfall steht da nicht zu befürchten und ist auch diesmal keiner. Alles andere als das. Allerdings auch kein vollblütiges Meisterwerk.

Und trotz aller filmischen Globalisierung: Eine Sache irritiert dann doch ein wenig. Ob ausgerechnet ein Flair von Pazifik, Strand und Meeresbrandung besonders kompatibel mit weihnachtlicher Stimmung ist, muss bezweifelt werden. Jedenfalls bei allen Winterkindern und Schneemännern im Publikum. Wer jedoch zu denen gehört, die sich bei heimischer Kälte und Eis möglichst weit weg wünschen, findet in Vaiana die  Reiseführerin der Wahl. Bei wem sonst bekommt man für den Preis einer Kinokarte einen spannenden Trip zu Inselparadiesen, tiefblauem Meer und fremden Kulturen? Selbst wenn deren Götter heute auch nicht mehr das sind, was sie mal waren.

Der Trailer zu Vaiana