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„Nur wir drei gemeinsam“ – die Kritik

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Dass Familien einem menschenverachtenden Regime den Rücken kehren müssen, dass sie gezwungen sind, sich eine neue Heimat zu suchen beileibe keine Neuerscheinung. Eher tragischer Alltag der Menschheitsgeschichte. Neu ist jedoch, dass es jetzt einen Film gibt, der aus der Tragik eines solchen Ereignisses eine wundervolle Geschichte destilliert. Eine die tief berührt, die spannend, interessant und entlarvend zugleich ist. Und dazu was ihn endgültig zum kleinen Filmwunder werden lässt auch noch zum Brüllen komisch.

Vollbracht hat diese Mirakel das französische Multitalent Kheiron. In Nur wir drei gemeinsam schildert der Komiker, Schauspieler und Rapper schlicht und ergreifend die Geschichte seiner Familie. Denn geboren ist der 33-jährige Regie-Debütant eigentlich in Teheran. Seinen französischen Pass verdankt er seinem Vater besser: dessen Dickköpfigkeit. Denn schon als junger Mann träumte der laut und unbeirrbar von einer Demokratie  was sich Ende der 60er Jahre weder unter Diktator Reza Schah Pahlavi noch seinem Nachfolger Ajatollah Chomeini als besonders gute Idee entpuppte. Das Resultat: Zehn Jahre Knast für politischen Widerstand.

Zwar konnten weder Folter noch Einzelhaft ihm dabei die Überzeugung rauben. Doch spätestens mit der Gründung einer Familie wurde dem Aktivist der Boden in Teheran zu heiß. Genug Freunde hatte er schon an Diktatoren verloren sein Kind und seine Frau durfte er nicht in Gefahr bringen. Also Flucht: Auf Pferden über die Berge, durch die Türkei bis  nach Paris. Endlich Sicherheit. Aber auch ein Leben, das gestemmt werden will. Hart arbeiten mit viel Köpfchen für Hibat und seine Frau Fereshteh selbstverständlich. Sprache lernen, sich sozial integrieren auch. Durch Zufall bekommt Hibat die Leitung einer Sozialstation im Banlieue angeboten. Eigentlich ein gesellschaftlicher Alptraum. Doch der Überzeugungstäter in Sachen Chancenverwertung krempelt die Ärmel hoch, und macht sich ans Werk: Junkie, Kleinkrimineller, Möchtegern-Rapper, Araber, Afrikaner, Franzose: Von Hibat – dem Migranten und politischen Flüchtling – wird jeder integriert und resozialisiert, dass es nur so kracht. Wo kämen wir denn hin, wenn ein Land eine so schöne Demokratie hat und der Einzelne macht nichts daraus?

Von der erste Minute an nimmt Nur wir drei gemeinsam das Herz des Zuschauers gefangen. Die hinreißend witzige Schilderung einer iranischen Kindheit, die prägende Zeit als politischer Gefangener, Flucht, Neubeginn: Wie im echten Leben, muss und will sich Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion nicht für eine Tonart entscheiden. Der Knast? Klar: Totale Scheiße. Aber manchmal eben auch kurios – zumindest wenn man ihn mit den Brüdern teilt. Seine iranische Großfamilie samt familiärer Absunderlichkeiten per se zum Schreien komisch. Die Flucht? Dramatisch. Und Paris? Anstrengend – jedenfalls wenn man eine hochintelligente Frau hat, die als leistungsstarker Motor funktioniert. Und vor deren Missbilligung der ehemalige Revoluzzer weit mehr Respekt hat, als vor Folter und Einzelhaft zu übelsten Knastzeiten…

Voll Liebe und dennoch ungetrübtem Blick für Absurditäten zeichnet Kheiron eine Familiengeschichte, die Toleranz und Hoffnung zum Prinzip erhoben hat. Die zeigt, dass weder Religion noch Rasse die Menschen trennen. Sondern nur die Unfähigkeit, das Beste daraus zu vereinen – und so vielleicht etwas noch Besseres zu schaffen. Die zeigt, dass Intoleranz kein Naturgesetz ist – und jederzeit mit einem versöhnlichen Nicken beendet werden kann. Und die vor allem zeigt, dass man auch nach einer dramatischen Fluchtgeschichte breit grinsend das Kino verlassen kann. Der Gute-Laune-Tipp 2016. Und einer mit Nachklang und Tiefenwirkung.

Der Trailer zu Nur wir drei gemeinsam