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„High Rise“ – die Kritik

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Kultautor James G. Ballard hat mit seinem 1975 erschienenen Roman High Rise allen Lesern eine lupenreine Dystopie hinterlassen und allen Filmemachern eine als unlösbar verschriene Aufgabe. Regisseur Ben Wheatley eigentlich eher beheimatet im TV versucht sich mit seiner gleichnamigen Filmadaption trotzdem daran. Und macht dabei gar keinen schlechten Job. Dabei hilft ihm natürlich ein Cast, der für hohe Qualität bürgt: Darunter Namen wie Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans, James Purefoy und allen voran Tom Hiddleston.

Letzterer übernimmt auch die Rolle des Protagonisten in einer Geschichte, die sich seit Erscheinen des Buches immer mehr der Realität angenähert hat: Als erfolgreicher Neurologe steht Robert eigentlich auf der Sonnenseite des Lebens – von seiner frischen Scheidung mal abgesehen. Dennoch: Zeit für einen Neuanfang. Den will der junge Mann in einem ganz besonderen Gebäude wagen: Einem brandneuen Hochhaus – ein architektonisches Meisterwerk für 2000 Bewohner. Eigentlich eher ein autonomes Habitat: Supermärkte, Schwimmbäder, Schulen – das Gebäude beinhaltet letztlich alles an Infrastruktur, was zum Leben notwendig ist. Verlassen müssen es seine Einwohner letztlich überhaupt nicht mehr. Alles ist an seinem Platz – sogar jeder Mensch. Denn auch die genaue Wohnlage der Einwohner folgt einem klaren Muster: Je weiter oben man wohnt, desto höher der soziale Status. Einfach, klar, übersichtlich.

Robert ist in der mittleren Ebene der Hochhauses angesiedelt – für hiesige Verhältnisse also buchstäblich ein Bewohner der Mittelschicht. Denn schnell bilden sich die menschheitsüblichen drei sozialen Ebenen heraus: Unter-, Mittel-, und Oberschicht. Und ebenso üblich wachen die Schichten aggressiv über ihre jeweiligen Pfründe, was schnell zu wachsenden Spannungen führt. Dass weder Stromversorgung noch Müllentsorgung so stabil sind, wie versprochen, dient dabei noch als Katalysator für eskalierende Gewalt. Bald bröckelt die dünne Tünche der Zivilisation endgültig. Und als Wanderer zwischen den Ebenen muss Robert miterleben, wie Gewalt und Anarchie endgültig Einzug halten in ein architektonisches Utopia, das sich als Falle erweisen soll…

Surreal, ist das Wort, das die Atmosphäre des Films wohl am ehesten beschreibt. Durchgängige Erzählstränge, klare Motive oder Handlungen – für Regisseur Wheatley und wohl auch für Autor Ballard eigentlich nicht wirklich nötig. Warum erklären, wenn man zeigen kann: So ist High Rise ein Film der Momentaufnahmen, der einzelnen starken Szenen. Die Arbeit, diese kohärent zusammen zu montieren, diese sinnvoll zu deuten, muss der Zuschauer schon selber leisten – was nicht immer möglich und wohl auch gar nicht beabsichtigt ist. High Rise ist Sehen, ist Deuten, ist Atmosphäre Spüren. Wer an konservativen Erzählstrukturen und Mainstream-Dramaturgie hängt, hat hier wenig Spaß. Doch wer sich auf das Experiment einlässt, wird mit einem optisch wilden Filmritt belohnt, der zwar keine Antworten liefert – aber dafür Fragen stellt, auf denen man selbst noch lange und lohnend herumkauen kann.

Der Trailer zu High Rise