Loader


Feminismus und Horror: 8 Horrorfilme, die ihr Genre positiv verändert haben

00

FEMISI

Near Dark (1987) – Regie Kathryn Bigelow

NearDark1

Kathryn Bigelow als feministische Filmemacherin zu bezeichnen, ist ziemlich gewagt. Immerhin schwelgen einige ihrer Filme, etwa “Gefährliche Brandung” oder auch “Strange Days“, geradezu im männlichen Blick. Auch dass Bigelow die erste Regie-Oscar-Preisträgerin in der lange Geschichte der Academy war, prädestiniert sie in keiner Weise für das “Feminismus”-Label. Dass “Near Dark” auf dieser Liste gelandet ist, hat vielmehr damit zu tun, dass hier wichtige Pionierarbeit geleistet wurde. Bigelow stellte 1987 nämlich die älteste Nische des Horrors auf den Kopf. Den Vampirmythos!

Das dank Bram Stoker Jahrzehnte lang maximal männlich geprägte Bild vom unwiderstehlichen Blutsauger, der die verborgenen sexuellen Wünsche der Frauen in einer orgastischen Nahtoderfahrung entfesselt, wurde von “Near Dark” radikal erneut. Nicht nur verkehrt der Film die klassische Rollenverteilung vom Jäger und der Gejagten, auch Erotik, Gewalt und die Dynamik innerhalb der porträtierten Gruppe erhalten ein neues Fundament. Auch wenn etwa Filme wie “A Girl Walks Home Alone At Night” einen feministischen gelagerten Vampirmythos deutlich pointierter artikulieren – “Near Dark” gebührt die Ehre der Wegbereitung.

The Descent Abgrund des Grauens (2005): Regie Neil Marshall

intrepid6

Der sogenannte “Bechdel Test” ist ein einfaches Werkzeug. Er dient der Beurteilung von weiblicher Figuren in Spielfilmen. Genauer gesagt, deren Stereotypisierungen. Und so geht’s: Filme, die den Test bestehen, müssen (1) mindestens zwei Frauen darstellen, die (2) sich auch miteinander unterhalten, und zwar (3) über etwas anderes als Männer. Kein Problem für die meisten Hollywoodfilme – sollte man meinen. Tatsächlich ist aber die Zahl der Filme, die jedes Jahr durch diesen Test durchfallen unfassbar hoch. Selbst diese Mindestanforderung kann Hollywood in vielen Fällen nicht erbringen.

Neil Marshalls “The Decent” hat nicht nur den Bechdel Test bestanden, er gehört mit seinem fast ausschließlich weiblichen Cast, seiner komplett von Klischees befreiten Storyline und seinem angenehm unverbrauchten Blick auf Freundschaft und Solidarität unter Frauen auch zu einem der besten Horrorfilme. Marshalls Film verfolgt keine polternde feministische Agenda, er zählt vielmehr zu den wenigen Glücksfällen, die uns gekonnt vor Augen führen, wie der Horrorfilm ohne sexistische Klischees und platte Stereotypisierungen aussehen könnte. Hier wird weder von sexualisierten Opfer, noch von “starken Frauen” erzählt, sondern ein authentischer Umgang mit Themen wie Trauer, Schuld und Misstrauen gepflegt. Das schockierende Finale, die famose Bösewichtin und die unter die Haut gehende Atmosphäre machen “The Descent” zu einem Must-See für jeden Horrorfan.

Ich seh, ich seh (2015): Veronika Franz und Severin Fiala

GoodnightMommy

Ich seh, ich seh” von den Österreichern Veronika Franz und Severin Fiala ist eigentlich in jeder Hinsicht ein Gewinn für den Horrorfilm gewesen. Eine feministische Lesart bietet sich vor allem dann an, wenn man als erfahrener Horror-Kenner gleich zu Beginn über die hinterhältige Pervertierung eines uralten Genre-Standards stolpert: Statt der Familie mit unheimlichen Kindern (“Das Omen“) oder Vätern (“The Shining“) zu Leibe zu rücken, haben es die Filmmacher auf die liebe Frau Mama abgesehen.

Die kehrt nach einer Gesichtsoperation verändert heim und macht den beiden Söhnen mit neuen, drakonischen Regeln zu schaffen. Im Horrorfilm ist die Schändung der Mutterrolle immer noch ein Sakrileg, steht die Mutter doch meist wider aller Bedrohung und Verzweiflung als die letzte Instanz des Guten auf der Bühne. Das Band zwischen Kind und Mutter kann selbst der Teufel nicht zerreißen. Das wissen wir schon seit “Der Exorzist” und das haben wir bis heute nicht vergessen. “Ich seh, ich seh” eskaliert dieses dominierende Klischee auf höchst eindringliche Weise, nur um uns dann ein weiteres Mal zu überraschen.

Drag Me To Hell (2009): Regie Sam Raimi

0-O_beVayHsrjuUFMs

Der latente Sexismus in Horrorfilmen muss sich nicht allein in stumpfen Stereotypen und männlichen Gewaltphantasien erschöpfen, auch die im Film thematisierten Ängste sind oft extrem einseitig. So geht es im Genre leider viel zu oft und viel zu ausschließlich um die Ängste und Sorgen von Männern. An sich sind die Ängste weißer Mittelstandsmänner natürlich ein durchaus interessantes Thema, doch die gleichzeitige Abwesenheit von weiblichen Ängsten und Lebenswelten macht aus dieser Genre-Tendenz ein unerträgliches Ungleichgewicht.

Vor allem im Mainstream dominierte die Angst der Männer viele Jahrzehnte. Umso relevanter werden Big-Budget-Horrorfilme, die diese alten Krusten aufbrechen und das Genre mit neuen Ideen belüften. Sam Raimis “Drag Me To Hell” ist eine in dieser Hinsicht viel zitierte Ausnahme der Regel. Nicht nur bricht die Darstellung der Heldin des Films mit vielen sexistischen Drehbuch-Gewohnheiten der Industrie, mit dem Thema der Essstörung wählte Raimi zudem einen angstbesetzten Gegenstand, zu welchem sich in der westlichen Welt deutlich mehr Frauen als Männer verhalten können.

House of the Devil (2009): Regie Ti West

hero_EB20091111REVIEWS911119997AR

Das Thema des Films ist für informierte Horrorfans gleichzeitig ein ziemlich endgültiger Spoiler. Belassen wir es also bei einer ganz allgemeinen Einschätzung dieses Films. Auch hier sollte man keinen mahnenden Feminismus oder das Problematisieren des Patriarchats erwarten. Ti Wests “House of the Devil” funktioniert in erster Linie als ungemein stilsichere Verbeugung vor dem Horror der 80er-Jahre. Von der Cinematography über die Kostüme bis hinzu zu den verwendeten Plot Devices wurde hier alles so lange minutiös zusammengeschoben, bis schließlich eine bildschöne Hommage herauskam.

Was den Film neben seiner handwerklichen Qualität dabei für unsere Liste so interessant macht, ist seine nachvollziehbare Hauptfigur, Samantha. Die wäre uns in den 80er-Jahren nämlich nicht in einem Horrorfilm begegnet. Aus diesem Umstand ergibt sich bei “House of the Devil” ein tolles Spannungsverhältnis zu einigen im Film zitierten Klassikern (die besagten Spoiler) und zum Kino der 80er-Jahre. Ein wirklich lohnender Blick auf das Genre und eines seiner zentralen Themen. Wer mehr Frauen wie Samantha sucht, der darf mit dem direkten Nachfolgefilm “The Innkeepers“(2011) oder mit “The Awakening” (2011) weitermachen.

The Babadook (2014): Regie Jennifer Kent

bab

Ähnlich wie “Ich seh, ich seh” nimmt sich auch “The Babadook” die konventionelle Mutterrolle gehörig zur Brust und lässt bei deren Dekonstruktion kaum noch etwas davon übrig. Amelia verliert ihren Mann, und zwar an dem Tag, an welchem ihr Sohn, Sam, geboren wird. Als wären die posttraumatische Belastungsstörung unter welcher Amelia fortan leidet und die Strapazen der Alleinerzieherin nicht schon genug, wird ihr Sohn Sam viele Jahre später dann auch noch verhaltensauffällig. Gemeinsam begeben sich Mutter und Sohn auf eine fiese Odysseus, die so spannend wie offen erzählt ist. So gelingt Regisseurin Jennifer Kent beim Portrait von Amelia ein im Genre überaus seltener Balanceakt, der ohne Übermutter-Allüren und platte Küchenpsychologie auskommt. Amelia darf eine ambivalente Figur bleiben. Ihr unangenehmer Abstieg in den Wahnsinn ist zudem etwas, das viel zu oft Männern (mit Schreibblockade) vorbehalten ist.

Carrie Des Satans jüngste Tochter (1976) – Regie Brian de Palma

Hier sollte man in puncto Feminismus unbedingt geteilter Meinung sein. Für die einen ist Carrie nämlich ein feministischer Meilenstein, für die andren eine krude Männerphantasie, die die kollektiven Ängste der Emanzipation in den 70er-Jahren aussteht. Fest steht: Der Film ist randvoll mit Motiven der Weiblichkeit. In der berühmten Eröffnungssequenz werden wir Zeuge, wie Carrie ihre erste Periode hat und von ihrem Ekel davor. Später leiden wir zusammen mit ihr unter einer widerwärtigen Mutter, wir lernen gemeinsam mit Carrie die Waffen der Frau (in diesem Fall Telekinese) einzusetzen und erfahren schließlich was es bedeutet, echte Macht auszuüben. Und sie wieder zu verlieren. Natürlich ist der Film in einem ganz akuten Klima der Emanzipation entstanden und natürlich spiegeln sowohl die Vorlage von Stephen King als auch der Film von Brian de Palma dieses Klima wieder. Genau das macht Carrie ja so interessant. Auch heute noch!

 Teeth (2007): Mitchell Lichtenstein

Teeth Review

Die Vagina dentata, aus dem Lateinischen übersetzt etwa bezahnte Vagina, ist ein uralter Mythos, der uns Europäern vor allem durch die Arbeiten des Sigmund Freud ein Begriff ist. Zum einem stellt der Mythos natürlich vor allem für viele Männer eine konkrete Angst vor Verstümmelung dar, zum anderen ist er aber eben auch mystischer Träger weiblicher Emanzipation. Wobei das Mystische zum Beispiel in Südafrika mit dem Anti-Vergewaltigungskondom sehr weltlich geworden ist. Doch wir schweifen ab. Teeth von Mitchell Lichtenstein spielt auf sehr humorvolle und intelligente Weise mit Männern-Ängsten. Zwar mag der Film nicht zu den absolut besten seines Genres gehören, doch als positives Beispiel für einen ungezwungenen Umgang mit geschlechtssensiblen Themen taugt er allemal.

Weitere Empfehlungen:

  • Possession (1981)
  • We need to talk about Kevin (2007)
  • A Girl Walks Home Alone At Night (2015)
  • Die Augen der Laura Mars (1978)
  • Stoker (2013)
  • Tanz der toten Seelen (1962)
  • Begierde (1983)
  • Honeymoon (2014)
  • Crimson Peak (2015)
  • The Neon Demon (2016)
  • Der Hexenclub (1986)
  • Under The Skin (2015)
  • American Mary (2012)
  • Ginger Snaps (2002)