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„Doctor Strange“– die Kritik

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Magie überzeugend auf die Leinwand zu bringen, ist immer so eine Sache: Wie visualisiert man etwas, das noch nie jemand gesehen hat? Und dazu so, dass es nicht hoffnungslos albern oder völlig antiquiert wirkt. Für Zauberer gilt im Prinzip das Gleiche: Der Gandalf-Typ mit spitzem Hut und Rauschebart findet gerade noch in der mittelalterlich angehauchten Fantasy-Ecke seine Nische.

Der Magier von heute ist ein ganz anderer Typ: cool, souverän, sich seiner Verantwortung ebenso bewusst wie seiner Außenwirkung bis an die Grenze zur Eitelkeit. Genau so, wie Doctor Strange erstmals kongenial verkörpert von Edelmime Benedict Cumberbatch.

Doch auch der war natürlich nicht immer so: Bevor er zum mächtigen Magier Doctor Strange wurde, war er der erfolgreiche Neurochirurg Dr. Stephen Stange. Unerreicht am chirurgischen Besteck und dementsprechend von sich eingenommen. Kurz: ein Narzisst durch und durch. Lediglich als Autofahrer eine Niete was ihn einen Unfall später in ein von Nähten und implantierten Metall zusammengehaltenes Wrack verwandelt. Seine Karriere, seine Ambitionen, sein ganzes bisheriges Leben für immer zerbrochen. Das letzte Geld fließt in ein Ticket nach Nepal. Für den Wissenschaftler und Skeptiker ein Akt nackter Verzweiflung. Ihn treibt die Suche nach einem geheimnisvoller Orden namens Kamar-Taj, der dort angeblich Wunder wirken soll.

So ist es auch. Allerdings völlig andere, als der gebrochene Chirurg sich erhofft hatte. Geleitet von The Ancient One dem geheimnisvollen Führer des Ordens und seinen Helfern wird Strange eingeführt in die Kunst der Magie. Und schnell zeigt sich, dass hier zusammenfindet, was offenbar zusammengehört: Verbissenes Training und psychische Eignung verschaffen dem Schüler schnell beeindruckende Kräfte. Gut für ihn, gut aber auch für den ganzen Orden. Denn ein mächtiger Feind attackiert Kamar-Taj unbarmherzig. Und der plant nicht nur die Vernichtung des magischen Klosters. Der will die ganze Welt ins Chaos stürzen. Und bald sind Strange und seine Ausbilder die letzte Bastion zwischen unserer vertrauten Realität und dem Sturz des Planeten in eine Dimension reinen Schreckens…

Gewaltige Hoffnungen und Erwartungen lagen auf dem ersten Auftritt von Benedict Cumberbatch als Sorcerer Supreme, wie der offizielle Titel des Meistermagiers in der Marvel-Welt auch lautet. Denn Doctor Strange ist so viel mehr als nur ein weiterer Superheld, der die Bühne betritt. Er soll als filmisches Bindeglied zwischen der Welt der Superschurken und übernatürlichen Bedrohungen fungieren. Mit ihm als potentiellem Mitglied der Avengers und so wird es nach seiner Inauguration auch kommen können endlich sogar übernatürliche Feinde, Flüche oder Dämonen ins Repertoire des Schreckens aufgenommen werden. Ein Potential an Konflikten und dramaturgischen Möglichkeiten, von denm man vorher nur träumen konnte.

Immer vorausgesetzt, der neu eingeführte Charakter kann das Publikum für sich gewinnen. Und Benedict Cumberbatch betritt die magische Bühne und der magische Umhang sitzt wie angegossen. Jeglicher Wesenszug, den seine komplexe Rolle verlangt und den Comic-Fans natürlich auch erwarten er bringt ihn souverän auf die Leinwand: Sein Doctor Strange ist selbstverliebt, besessen, ultracool, höchst charismatisch und dazu stets umgeben von dem nötigen Hauch Selbstironie, der das Abenteuer erst wirklich goutierbar macht. Denn das neue Werk von Regisseur Scott Derrickson ist nebst allem anderen auch erstaunlich witzig. Wodurch der Spannungsbogen des Spektakels höchst flexibel und dadurch letztlich sogar noch fesselnder ausfällt.

Apropos Spektakel: Was an optischem Eyecandy hier auf die Leinwand gezaubert wird, hat man in dieser Form noch nicht gesehen. Das Spiel mit Magie und Dimensionen wird dem Publikum serviert, als würde man unsere Realität durch ein Kaleidoskop betrachten, in dem gleichzeitig auch noch Menschen agieren. Beim Kampf der Hexer lösen sich die physikalischen Gesetzte ebenso auf wie Oben und Unten. Bis zu dem Punkt, dass sogar die unerbittliche Richtung der Zeit manipuliert werden kann. Das ist zwar nicht immer völlig plausibel aber optisch höchst beeindruckend und immens unterhaltsam.

Neben Benedict Cumberbatch tun natürlich auch seine Kollegen das ihre, um den Magiern überzeugendes Leben einzuhauchen. Hier glänzt vor allem Tilda Swinton als The Ancient One. Einmal mehr lässt die Oscar-Preisträgerin in der Rolle ihren ganz eigenen Zauber wirken und nimmt ihrem Charakter so jegliche drohende Albernheit. Fast immer blitzt dabei ein Lächeln in ihren Augenwinkeln fast, als wäre der Umgang mit der Magie ein überirdischer Scherz, der für andere einfach zu schwer zu verstehen ist.

Lediglich Mads Mikkelsen als Bösewicht kann dabei nicht wirklich mithalten. Was nicht an seinen mimischen Möglichkeiten, sondern seiner Präsentation liegt: Wenn das Schillerndste an einem Charakter seine offenbar ansteckenden Augenringe  sind, hat man als Filmemacher eine Chance verpasst, der Figur Tiefe und Vielschichtigkeit zu verleihen.

Wenigstens weiß man dadurch aber sofort, wer der Mistkerl in dem magischen Reigen ist und kann sich somit ganz auf die bombastische Optik bei Benedict Cumberbatchs mystischem Werdegang konzentrieren. Und der macht so viel Spaß und bietet so viel spannende und detailreiche Unterhaltung, dass sein Eintritt ins Marvel-Universum nur als voller Erfolg gewertet werden kann. Die Welt der Superhelden hat einen neuen Superstar und einen, von dem man ohne Zweifel noch eine ganze Menge zu sehen bekommen wird.

 Der Trailer zu Dr. Strange