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„Die Welt der Wunderlichs“ – die Kritik

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Dani Levy ist ein Filmemacher, der in der Tragik immer auch die Komik gesehen hat. Das bewies er bereits in der Komödie Alles auf Zucker, mit der er 2004 den deutschen Filmpreis gewinnen konnte. Und auch Die Welt der Wunderlichs ist eine üppig wuchernde Spielwiese für eines seiner Lieblingsthemen: dysfunktionale Familien in der Nahaufnahme. Und noch viel dysfunktionaler als die der alleinerziehenden Mimi (Katharina Schüttler) wird’s nicht mehr jedenfalls nicht, ohne endgültig zu scheitern.

Ihr siebenjähriger Sohn Felix leidet an ADHS. Was die auch deshalb von Job zu Job tingelnde Mittdreißigerin zum Dauergast im Schuldirektorat macht. Hier ein herzliches Danke an ihren Ex-Mann für haufenweise Drogen, die sich der abgehalftert Rocker damals eingepfiffen hat. Ihr Vater (Peter Simonischek) ist mit seiner bipolaren Störung wiederum Dauergast in der Klinik jedenfalls, wenn sich die intelligente Nervensäge nicht während manischer Schübe selbst entlässt, um Chaos zu stiften oder Mimis letztes Geld zu verspielen. Auch um die Psyche Ihrer exzentrischen Mutter (Hannelore Elsner) ist es mies bestellt. Dazu kommt eine Schwester (Christiane Paul), die verständlicherweise mit der kompletten Familie auf maximale Distanz geht.

Kurz: Mimis Leben ist ein soziales Desaster, ihre Psyche kontinuierlich nur einen weiteren Vorfall vom Nervenzusammenbruch entfernt. Dass keiner der menschlichen Störfaktoren es dabei irgendwie böse meint, hilft dem hoffnungslos überstressten Nervenbündel auch nicht wirklich weiter.

Was ihr aber zumindest in finanzieller Hinsicht helfen könnte, wäre ein Auftritt in der Casting-Show Second Chance. Die Möglichkeit dazu verdankt die ehemalige Sängerin ihrem Sohn, der dem Schweizer Veranstalter ein altes Band von ihr hat zukommen lassen. Für ihre zweite Chance müsste sie eigentlich nur rechtzeitig im Züricher Aufnahmestudio sein. So nah und doch so fern: Denn die Hannoveranerin hat plötzlich sowohl ihren Sohn als auch ihren Vater am Hals auf so einer Mission entspricht das russisch Roulette in Menschenform.

Damit nicht genug: Plötzlich fühlt sich ihre ganze Soziosphäre bemüßigt, Mimi beim Auftritt beizustehen. Ob sie will oder nicht. Und ebenso, ob es dem Kurztrip ins Nachbarland dienlich ist oder nicht. Schnell zeigt sich: Ist es nicht. Gerade, wenn Mimi glaubt, dass die Talsohle menschlichen Versagens endlich erreicht sein müsste, beweist ihr das Schicksal: Es geht problemlos noch tiefer…  Solange, bis auch sie sich bei aller Toleranz eingestehen muss Ihr seid, wie ihr seid aber ich bin einfach nichts stark genug dafür.

Dass Die Welt der Wunderlichs eine Faszination ausstrahlt, der man sich über weite Strecken kaum entziehen kann, liegt zunächst an dem tollen Ensemble, das Levy für sein neues Werk ausgewählt hat: Allen voran, überzeugt Katharina Schüttler in jeder einzelnen Szene und auch Peter Simonischek, Hannelore Elsner und Christiane Paul bringen natürlich viel Substanz auf der Leinwand. Sogar der kleine Ernst Wilhelm Rodriguez macht als Mimis Sohn Felix seiner anspruchsvollen Rolle Ehre. Dazu gelingt es dem Regisseur, sein Publikum nicht nur zum Blick von außen zu verdammen, sondern es perspektivisch zu integrieren und den von Schicksal und Zwängen gebeutelten Figuren so ganz nahe zu kommen.

Die Familie Wunderlich bei ihrem ebensolchen Treiben zu verfolgen, hat etwas vom Betrachten eines Formel 1-Rennens: Du wartest insgeheim auf den nächsten Unfall der auch unweigerlich kommt. Nur, dass bei Mimi und ihrer Bagage weder Streckenposten noch Rescue-Team bereit stehen, um Schlimmeres zu verhindern. Das bleibt an ihr selbst hängen. Was den Film zwar oft wirklich berührend, immer kurios aber eigentlich nie wirklich lustig werden lässt. Die witzigen Momente und solche gibt es durchaus entstammen meist bitterem Sarkasmus. Der Film wird dadurch zwar kein Stück schlechter, aber wer sich in der Erwartung einer entspannten Familien-Komödie ins Kino bequemt, sollte diesbezüglich gewarnt sein.

Wodurch der Film jedoch schon ein Stück schlechter wird, ist das Ende. Eher ein Abbruch: Erst hysterisch, dann konfus, letztlich erwartbar und bei weitem zu abrupt. Als wäre die Luft raus gewesen. Oder als ob das Studio gesagt hätte: Jetzt mach mal ‘nen Punkt und zwar ‘nen fröhlichen. Doch über diesen sollte man gnädig hinwegsehen kurz genug dafür ist er ja und sich lieber vom restlichen Treiben der gehandicapten Chaoten einfangen lassen, die bei allen Defiziten zumindest eines souverän beherrscht: Den Zuschauer wieder mit seinen eigenen Verwandten zu versöhnen. Und für dieses Kunststück sind 104 Minuten geneigt Aufmerksamkeit wirklich nicht zuviel verlangt.

Der Trailer zu Die Welt der Wunderlichs