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„Captain Fantastic“ – die Kritik

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Aussteiger Ben hat seit Jahren mit der so genannten Zivilisation gebrochen. Kompromisslos. Zurückgezogen in die Wälder an der Nordwestküste der USA lebt er von dem, was hier wächst oder sich anbauen lässt. Doch ist der Mittvierziger kein verwildernder Dropout oder verwirrter Eremit – alles andere als das: Seine sechs Kinder, die mit ihm und seiner Frau seine Lebensauffassung teilen, unterrichtet er nach bestem Wissen und Gewissen. Beides äußerst beachtlich: Naturwissenschaften, Philosophie, Sprachen, Musik – der Universalgelehrte vermittelt ihnen eine umfassende Bildung, die alles bei weitem in den Schatten stellt, was gleichaltrige Jugendliche vorzuweisen haben.

Auch physisch bringt er ihnen bei, was immer ihm zum Überleben notwendig scheint. Jagen mit Klinge und Pfeil, Selbstverteidigung, Klettern, Training jeglicher Art – aber auch Joga und Meditationsübungen. Irgendein Mangel? Soziale Vernachlässigung? Fehlanzeige. Die Familie ist mit ihrem Leben glücklich. Kurz: Ben schafft sich und seiner Familie sein eigenes Utopia, basierend auf Nachhaltigkeit und Humanismus. Ein fast hermetisch abgeschlossenes Paradies.

Aus dem er und seine Kinder unbarmherzig vertrieben werden, als seine Frau ins Krankenhaus muss, dort plötzlich stirbt. Und ihre Familie konnte noch nie Bens Ansichten über das wahre Lebenskonzept teilen. Dem Aussteiger bleibt keine Wahl: Um sicherzustellen, dass der letzte Wille seiner Frau gewürdigt wird, muss sich Ben (Viggo Mortensen) samt seiner Kinder der fremd gewordenen Gesellschaft und Familie stellen. Und dort feststellen, dass reine Verweigerung der Zivilisation vielleicht doch nicht genügt, um seinen Pflichten als Vater bestmöglich gerecht zu werden…

Viggo Mortensen? Genau: Waldläufer Aragorn aus dem Herrn der Ringe. Und darüber hinaus ein grandioser Schauspieler, den auf seine Paraderolle zu reduzieren ein massiver Fehler ist. Der 57-jährige Star verkörpert die vielschichtige Figur des überzeugten Außenseiters mit solch berührender Intensität, dass man jeden seiner Erfolge, seine Fehlschläge, seine Zweifel und Zerrissenheit emotional übernimmt. Und auch das ist es, was die starke Geschichte eingefangen in exquisite, teils poetische Bilder zu einem Meisterwerk macht: Die Kunst, den Betrachter auf der Gefühlsebene mit seinem Protagonisten verschmelzen zu lassen – selbst wenn sich die Weltbilder fundamental unterscheiden.

Ansonsten entzieht sich Captain Fantastic mühelos allen Konventionen und Kategorisierungen: Zu leicht und heiter für ein Drama, Lichtjahre entfernt von der Komödie wer mit Ben und seinen Kindern in den Bus Richtung Konvention einsteigt, begibt sich auf eine höchst individuelle Reise. Eine, die aufgrund ihrer Vielschichtigkeit jeden Betrachter emotional an einen anderen Ort  führen kann. Und an deren Ende man zwar keine einfachen Antworten auf existenzielle Fragen erhalten hat dazu ist der Film bei weitem zu weise  aber die Überzeugung, dass sich die Fahrt auf jeden Fall zutiefst gelohnt hat. Und dass für Hollywood doch noch Hoffnung besteht. Ebenso wie für Viggo Mortensen. Und zwar die auf einen Oscar.