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„Arrival“ – die Kritik

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Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt eine Fragestellung Wissenschaftler auf der ganzen Welt: Wie kommuniziert man mit Außerirdischen? Und das keinesfalls nur im theoretischen Raum: Bereits 1972 startete die US-Raumsonde Pioneer 10. An Bord eine vergoldete Aluminiumtafel, darauf schematisierte Zeichnungen des Menschen, unseres Sonnensystems und eines Wasserstoffatoms der hilflose Versuch, mit eventuellen galaktischen Findern in Kontakt zu treten.

Naiv, würde man heute wohl sagen. Den Kern des Problems ersparte man sich dem Zeitgeist entsprechend: Was, wenn die fremden Wesen keine Gemeinsamkeit mit uns haben? Eine Wahrnehmung, die sich fundamental von unserer unterscheidet? Keine Augen, Ohren, Münder und vor allem: eine gedankliche Struktur, die mit der unseren nicht kompatibel ist. Bis hin zur Frage: Würden wir sie dann überhaupt als intelligente Spezies erkennen?

Zumindest das ist kein Problem, als die Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks (Amy Adams) vom Militär zu Rate gezogen wird. Denn die Existenz des Raumschiffs und ihrer Bewohner ist offensichtlich: Zwölf Stück davon hängen bewegungslos über den Erdball verteilt. Scheinbar willkürlich platziert, gewaltig, mysteriös und dadurch nicht zuletzt höchst bedrohlich. Sogar mit ihren Passagieren konnte man bereits Kontakt aufnehmen. Zumindest Blickkontakt. Falls die gewaltigen, Kraken-ähnlichen Wesen, die uns nur minimalen Einblick in ihre Welt gewähren, überhaupt Augen in irgendeiner Form haben.

Menschen sind an Bord ihrer surreal anmutenden Schiffe bestenfalls stundenweise geduldet. Dann werden die wenigen Berufenen, denen eine Begegnung überhaupt gewährt wird, von den Aliens wieder hinauskomplimentiert. Denn diese verfügen offensichtlich über Möglichkeiten, die für uns Erdenbewohner an Magie grenzen.

Louise und ihr wissenschaftliches Pendant Ian Donnelly (Jeremy Renner) gehören zu diesen Wenigen. Ganz schlicht militärischer Verzweiflung geschuldet: In Puncto Verständigung tritt das Militär nämlich völlig auf der Stelle. Weltweit sind die Regierungen daher gezwungen, auf Zivilisten zurückzugreifen. Natürlich unter strengster Geheimhaltung. Die ist auch nötig ebenso wie schnelle Resultate: Ohne Antworten auf die drängendsten Fragen versinkt die ganze Welt immer mehr im Chaos. Auf den Straßen Proteste, Plünderungen, Tote die Menschheit verfällt zunehmend in gewalttätige Hysterie. Auch in den Kasernen und Regierungsgebäuden siegt das Misstrauen über die wissenschaftliche Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Bis hin zu dem Punkt, an dem die ersten Kriegswaffen in Richtung der Raumschiffe gedreht werden.

Dennoch: In deren Inneren gibt es Fortschritte. Babyschritte allerdings. Und obwohl es Louise und Ian gelingt, Stück um Stück die Basis für eine Verständigung zu schaffen, scheint es, als müsste man das Rennen verloren geben. Die Frage ist nur: Wer wird tatsächlich als Verlierer aus dieser Begegnung der dritten Art hervorgehen? Die Außerirdischen, auf die das ganze tödliche Arsenal der Menschheit losgelassen werden soll? Oder wir die einer Macht den Krieg erklären, deren Motive und Fähigkeiten uns völlig verschlossen sind.

Doch selbst wenige Stunden vor dem törichten Kräftemessen: Die beiden Wissenschaftler geben nicht auf. Und indem sie immer mehr von sich selbst preisgeben, offenbart sich ihnen ein Geheimnis, weit fantastischer als sie es sich je hätten erträumen können. Eines, dessen Tragweite alles übersteigt, was dem Homo Sapiens auf seiner kulturellen Reise bislang begegnet ist. Und bei dem auch Louise nicht sicher ist, ob es sich am Ende des Weges um Erlösung oder Verdammnis handelt. Für die Menschheit – aber auch für sie und ihr ganz eigenes Leben.

Erlösung oder die Verdammnis, Oben oder Unten, Anfang oder Ende, Freund oder Feind  all diese elementaren Fragen, die im Laufe der grandiosen 116 Minuten aufgeworfen werden, bleiben nicht im Kinosaal, wenn der Zuschauer ihn verlässt. Sie begleiten ihn, als ein Geschenk an alle Freunde von Filmkunst mit Tiefenwirkung. Fans intelligenter Science-Fiction kommen an Arrival sowieso nicht vorbei. Doch auch wer sich mit dem Sujet bislang schwergetan hat: Hier ist die Chance, sich damit endgültig zu versöhnen.

Das faszinierende Meisterwerk von Regisseur Denis Villeneuve verfügt über so viele Facetten, dass selbst der grandios inszenierte Besuch aus dem All nur Katalysator-Funktion hat. Seine Dramatik, sogar seine immensen Spannung zieht der Film aus viel existentielleren Fragestellungen. Und selbst diese variieren vermutlich von Zuschauer zu Zuschauer je nachdem, welchen der von dem Kunstwerk angerissenen Pfade man im Geiste weiterverfolgt, welcher der angebotenen Faszinationen man gedanklich erliegt.

Und auch wenn es viele Momente reiner, nervenzerfetzender Spannung gibt: Kontrastiert werden diese durch übergroße optische und akustische Impressionen von geradezu hypnotischer Wirkung. Szenen, die durch das unglaubliche Sounddesign oft den ganzen Körper erfassen. Aber auch Bilder, von denen große Ruhe ausgeht Bilder, die einem kurz darauf wieder unbarmherzig entrissen werden. In manchen Momenten ein fast intimes Kammerspiel, in anderen ein wendungsreicher Thriller, der mit Nerven und Erwartungen spielt.

Doch Arrival ist weit mehr als nur Form und virtuoses Handwerk: Unglaubliche Wendungen, Amy Adams` eindringliches Schauspiel und eine Katharsis, die zum Besten gehört, was das Kino hervorgebracht hat: In Summe macht das einen Film, der sich den Status eines Klassikers aus dem Stand verdient.

Lediglich eingeschworene Fans actionlastiger Raumschlachten werden sich fragen, was sie hier eigentlich sollen. Aber dazu gibt es Kritiken wie diese hier ja. Selbst, wenn Arrival zumindest eines definitiv klärt: Am Ende stellt sich nicht die Frage, wie wir uns mit Außerirdischen verständigen sollen. Sie lautet in Wahrheit: Können wir Menschen uns überhaupt miteinander verständigen? Und selbst wenn: Sind wir dann nicht immer noch Lichtjahre davon entfernt, uns auch zu verstehen?

Der Trailer zu Arrival